"Die Bierstadt Erlangen - gestern und heute" titulierte Jochen Buchelt seine Exkursion am 19. April des Erlanger Jubiläumsjahres 2002. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit bringt es mit sich, dass einige Schilderungen in Storch Hugos BiervERLANGEN bereits Geschichte sind. Aber lesen Sie selbst...


Jochen Buchelt, Manuela Cranz

BiervERLANGEN


Storch Hugo auf den Spuren einer stadtbierologischen Exkursion des Heimat- und Geschichtsvereins

Ein Storch mit Namen Hugo kam auf einem Schlot hoch über den saftigen Regnitzwiesen zur Welt. Er folgte seinen Eltern nach Afrika als es kalt wurde. Nach ein paar Jahren zurückgekehrt ins nördliche Mittelfranken, wollte er eine Familie gründen mit der reizenden Störchin Dora, die er im Süden lieben gelernt hatte. An einem sonnigen Nachmittag im April saß er auf dem Dach einer Erlanger Brauerei, über der eine grün-weiße Fahne im Wind flatterte. Denn diesen Tipp hatte ihm sein Storchenvater noch mitgegeben, bevor sich ihre Wege trennten: "Am besten lebt man als Storch auf einer Brauerei. Dort stehen Türme, aus denen wunderbar warme Luft aus der Malzdarre nach oben streicht." Jetzt wollte Hugo ein eigenes Nest für sich und seine Dora bauen und er schaute sich aufmerksam um.

Unten im Hof stand eine Menschengruppe und sie hatten auch alle einen suchenden Blick. "Ob die auch alle nach einem Platz für ihr Nest suchen", überlegte Hugo und hörte genau hin, was gesprochen wurde. Eine freundliche Stimme begrüßte die Wartenden in der Privatbrauerei Kitzmann. Seit 1990 steht die Brauerei unter der Leitung der fünften Generation der Familie Kitzmann, die 1833 in den Besitz dieser Braustätte kam. Davor hatte das Brauwesen in der Neustadt eine wechselhafte und für die Biertrinker nicht gerade erfreuliche Zeit durchlebt. 1690 im Buirette'schen Brauhaus begann die Geschichte des Neustädter Biers. Nur dieses Bier und das aus Frauenaurach angelieferte war größtenteils umgeldbefreit. Auf dem Gerstensaft aus der Altstadt lasteten hohe Steuern. Aber die Freude der Christian Erlanger am Buirette'schen Bier dauerte nicht lang, denn dessen Qualität wurde immer schlechter. Schließlich schaltete sich sogar Markgraf Christian Ernst ein und drohte mit Importerleichterungen. Als auch das nichts half, gestattete er 1711 die Errichtung eines Kommunbrauhauses. Außer von diesem und in der Braustätte der Ritterakademie gesottenem sollte nur das Buirette'sche Bier verkauft werden, solange das den Qualitätsansprüchen genügte.

Das tat es aber weiterhin nicht. Das Ende des markgräflichen Geduldsfadens war ein Jahr später erreicht. Da verlieh Christian Ernst Leonhardt Wernand Buirette von Oehlefeldt (pikanterweise ausgerechnet ein Cousin des geschmähten Brauherrn Isaac Buirette von Oehlefeldt) gemeinsam mit Christoph Bever das Privileg "eine Bierbrauerei nebst Branntweinbrennerei und Weinschankstätte" in damaliger Stadtrandlage zu errichten. Damit schlug die Geburtsstunde der heutigen Brauerei Kitzmann. Bereits 1724 wechselte der Eigentümer erstmals. Der Käufer Georg Ernst Vierzigmann betrieb das Braugewerbe außerdem auch auf seinem Anwesen am späteren Bohlenplatz. 1740 traten seine beiden Söhne die Nachfolge an.

Nach der Ära Vierzigmann gab es ab 1797 vier Besitzerwechsel. Das Pech schien am Anwesen zu kleben, denn alle waren verbunden mit Überschuldung und Konkursen. Ruhe kehrte im Sudhaus erst ein, als schließlich 1833 die Familie Kitzmann auf den Plan trat. Johann Lorenz Kitzmann aus Baudenbach bei Neustadt an der Aisch übernahm für 12.400 Gulden die Braustätte. Er brachte das fundierte Wissen mit, das sich die Familie in 100 Jahren Brauertadition zu diesem Zeitpunkt schon erworben hatte. Das Unternehmen florierte; auch wurden die Zeiten für das Braugewerbe leichter. Durch den Bahnanschluss wurde der Bierexport für die Erlanger Brauereien ab 1844 erst richtig interessant: Es wurde nicht mehr fast ausschließlich für den heimischen Bedarf produziert. In der Blütezeit der Erlanger Exportbiere um 1875 fand sich die Brauerei Kitzmann im vorderen Bereich der mittelgroßen Brauereien. Bei Lieferungen, die ihr Ziel außerhalb Bayerns hatten, waren Kitzmannbiere genauso stark nachgefragt.

Der Erfolg wurde an die folgenden Generationen weitergegeben: Johann Peter Kitzmann (1837 bis 1888) und dessen Witwe Marie sowie der Sohn August Kitzmann (1883 bis 1967) erfreuten die Erlanger Bevölkerung mit schmackhaftem Gerstensaft. Nach dem großen Brauereisterben vor und nach dem Ersten Weltkrieg sowie in der Inflationszeit war die Kitzmann-Bräu bald die einzige Erlanger Brauerei, die weiterhin als Familienbetrieb geführt wurde. Der Lauf der Zeit zeigte schließlich, dass es gerade die Rechtsform der Kapitalgesellschaft war, die den Flaggschiffen der Branche, Henninger Reifbräu und Erichbräu, das Aus brachte. Kitzmann dagegen, als in Erlangen beheimatetes Familienunternehmen, konnte als einzige Braustätte ununterbrochene Kontinuität bis zum heutigen Tag wahren.

In der Wirtschaftswunderzeit, den späten 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts, erschloss sich Kitzmann im Flaschenbiersektor neue Märkte; die Brauerei wurde inzwischen von Karl Kitzmann geleitet. Da sich in dieser Zeit die Nachfrage immer mehr von Fass- auf Flaschenbier verlagerte, wurde bereits 1959 ein großer Neubau für die Flaschenfüllerei errichtet.

Anfang der 70er-Jahre verdunkelte sich der Himmel für das Erlanger Brauwesen, als der Nürnberger Brauerei-Gigant Patrizier-Bräu seine Schatten über die lokalen Braustätten warf, die alteingesessene Henninger Reifbräu und die Erichbräu schluckte. Die Erlanger Bier-Vielfalt war bedroht von einem Quasi-Geschmacksmonopol. Seit dieser Zeit entwickelte sich aber ein ungeahntes Lokalbewusstsein. "Unser Erlanger Bier" wurde zum Synonym für Kitzmann. Es folgten mit dem Sudhausneubau (1977), der Auslagerung des Privatkundenverkaufs an die Günther-Scharowsky-Straße und dem Bau des Logistikzentrums an der Neuenweiherstraße in Frauenaurach (1992) Marksteine für die Entwicklung der Familienbrauerei-Geschichte. So präsentiert sich die Brauerei heute als moderner, in Stadt und Region verankerter Familienbetrieb, der handwerklichen Traditionen gemäß aus Malz, Hopfen und Brauwasser (aus eigenem Brunnen) Erlanger Bier herstellt. Mengenmäßig ist es deutlich mehr als die einzelnen früheren Braustätten der Stadt erzeugten; an den Prinzipien der Produktion hat sich aber nichts geändert.

Warum er keinen Schlot mit warmen Malz-Lüftchen für sein Nest gefunden hatte, wusste Hugo nach den Ausführungen über die Geschichte der Brauerei Kitzmann auch. Denn diesen Grundstoff zur Bierherstellung bezieht die Brauerei seit längerem vor allem aus der Klostermälzerei in Frauenaurach. Diese Adresse wollte sich Hugo unbedingt merken. Als er hörte, dass die ganze Gruppe dorthin fahren würde, dachte er sich: "Da flieg' ich doch einfach hinterher."

Möglichst nahe über dem Dach des Busses, bemühte sich Hugo zu hören, was auf der Fahrt gesprochen wurde. Auf diese Weise erfuhr er, dass Erlangen seit Jahren ein "bieranalytisches Kompetenzzentrum" ist. In der Henkestraße fuhr der Bus an der Abteilung Lebensmittelchemie des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (vormals Landesuntersuchungsamt für das Gesundheitswesen Nordbayern und noch früher Chemische Untersuchungsanstalt Erlangen für Mittel- und Oberfranken) vorbei. Dass den Erlanger Chemikern nichts entgeht, hatten sie unter anderem Mitte der 1980er-Jahre gezeigt, als sie einer Brauerei im südlichen Mittelfranken und einer in Ost-Unterfranken auf die Schliche kamen, die sich schwer gegen das Reinheitsgebot von 1516 versündigt hatten. Monobrom- und Monochloressigsäure hatten sie dem Gerstensaft zugesetzt, um ihn länger haltbar zu machen. Den Biertrinkern Frankens zog sich die Gurgel allein beim Gedanken daran schon schmerzhaft zusammen.

Diesen faden Geschmack hätten sie früher aber mit anderen Erzeugnissen der Erlanger Brauereien leicht herunterspülen können. Mit alkoholfreien Erfrischungsgetränken machte so manche Erlanger Brauerei gutes Geld. Grundstoff für diese Nebenprodukte war das gute Erlanger Wasser, das die Brauereien auch von den Stadtwerken bezogen. In der Henninger Reifbräu lief ein Tafelwasser mit Natursolebeimischung vom Band, wurden diverse Limonaden sowie die Lizenzprodukte AfriCola und Bluna produziert. Bekannte Namen auch in der Erichbräu: Mit dem namensgebenden Getränk "Spezi" wurde dort ein Klassiker produziert. Der Ausstoß von 5.000 bis 8.000 Hektolitern je nach Hitze des Sommers war sehr gewinnträchtig, da die alkoholfreien Erfrischungsgetränke mit wesentlich weniger Aufwand hergestellt werden können als Bier.

Das für alle Durstlöscher als Grundstoff notwendige Trinkwasser von hervorragender Qualität wird von den Stadtwerken zumeist stadtnah, umgeben von großen Schutzgebieten, als reines Grundwasser gefördert. Die Stadtwerke sind als "städtische Tochter" nach wie vor dem Wohl der Bevölkerung verpflichtet; sie betreiben die beiden Fördergebiete West und Ost, helfen bei der Betriebsführung der Marloffsteiner und Eltersdorfer Gruppe.

Welche großen Geschmacksunterschiede aber auch beim Erlanger Grundwasser existieren, probierte die Menschengruppe, der Hugo nach Westen folgte, in Bruck aus. Konstant 16 Grad Celsius warm, steigt dieses Brucker Mineralwasser von selbst aus der Erde empor. Das Wasser des artesischen Brunnens, dessen Fassung hinter einem Haus in der Fürther Straße zu finden ist, hielt früher die Räder der Brucker Förstermühle eisfrei. Kälter als das Brunnenwasser war das "Erlanger Trinkwasser", eine unverkäufliche Rarität aus dem Fördergebiet Ost, das die Stadtwerke in kleinen Mengen auf Flasche ziehen, und das zum Vergleich gereicht wurde. Hugo ließ das kalt. Mit Wasser hat er nicht viel im Sinn; außer es schwimmen Fische drin rum oder es hüpfen leckere fette Frösche heraus. Aber auch Hugo kam bei dem Zwischenstopp auf seine Kosten. Ein paar Flügelschläge weiter musste er nur kurz über die frischgrünen Regnitzwiesen stolzieren, bevor ein knackiger Käfer den Weg in Hugos Schlund antrat.

Frisch gestärkt erreichten Mensch und Tier Frauenaurach. Doch die Begeisterung über das, was sie dort vorfanden, war doch stark geteilt. Endlich hatte Hugo einen der begehrten Schlote vor sich. Doch als er eben oben landen wollte, handelte er sich einen derben Hieb ins Genick ein. Die "Wohnung" war schon besetzt. Und der Meister Adebar und sein Weib, die sich dort häuslich eingerichtet haben, dachten nicht daran, das Feld und die Wiesen gleich nebenan für den wohnungssuchenden Hugo und seine Dora zu räumen.

Hugo ließ sich erst mal auf dem Dach gegenüber nieder, um nachzudenken. Die Menschen verschwanden in den Gebäuden, die ebenfalls eine lange Geschichte erzählen könnten.

Dass Menschen und Störche in etlichen Dingen den gleichen Geschmack haben, fand Hugo ein weiteres Mal bestätigt. Auf drei Seiten von der Aurach umströmt, lag Frauenaurach schon immer strategisch günstig und hochwasserfrei auf einem Sandsteinriegel. Das hiesige Dominikanerinnenkloster wurde um 1260 gestiftet. Die heute älteste Malz- und Sudstätte auf Erlanger Stadtgebiet geht auf dieses Kloster zurück, das 1525 im Bauernkrieg geplündert und 1530 aufgegeben wurde. Damals entschied sich Markgraf Georg der Fromme für den protestantischen Glauben und damit für das Ende des Frauenauracher Klosters, das komplett an das Markgrafentum Brandenburg-Kulmbach / Brandenburg-Bayreuth fiel. Aber das vorhandene Wissen um die Braukunst, im Mittelalter eine Domäne der Klöster (siehe die bekannte Regel: "Was flüssig ist, bricht fasten nicht!"), blieb erhalten. Die Brauwirtschaft verdankt den Nonnen und Mönchen wichtige Erkenntnisse. Insbesondere haben sie den Hopfen als unverzichtbare Zutat populär gemacht, die für den angenehm herben Geschmack und die Haltbarkeit wesentlich ist. Eingesetzt wurde diese auch in der Frauenauracher Klosterbrauerei. Die Brauerei überdauerte sogar die Zerstörungen des Zweiten Markgrafenkriegs 1553 und des 30-jährigen Kriegs.

Die markgräfliche Brauerei unter Leitung eines Amtmanns belieferte ab 1686 auch die Bewohner der soeben für die hugenottischen Glaubensflüchtlinge gegründeten Erlanger Neustadt Christian Erlang. In dieser Zeit wurden etwa 1.300 Hektoliter Gerstensaft jährlich in Frauenaurach produziert. Nach dem Umzug der Markgrafen in das Erlanger Stadtschloss wurde auch dort Frauenauracher Bier getrunken, aber das Interesse der Markgrafen an Frauenaurach schwand. Es wurde nichts mehr investiert. Brauerei und Schloss verfielen.

Im Dezember 1750 kamen sie in die Hände des Bierbrauers Georg Leonhard Eckard, der die heruntergekommene Brauerei samt aller Gebäude, Arbeitsgeräte und Rechte erwarb. Dazu gehörte auch ein "Gebietsschutz" für Frauenaurach, Hüttendorf, Kriegenbrunn, Möhrendorf, Neuses und Schallershof. Ein weiteres Privileg bestand darin, dass Eckard bei Besuchen des Markgrafen in Erlangen sein Bier an den fürstlichen Hof liefern durfte.

Diese Rechte blieben auch den Nachfolgerfamilien Fuchs und Lips erhalten. Sie gingen erst mit dem Übergang an Preußen und später an Bayern verloren. 1817 wurde Johann Wilhelm Ernst als angesehener "Bierbrauer, Branntweinbrenner und Oekonom" Eigentümer des Braugutes. Landwirtschaft und Brauerei führten bei ihm eine ertragreiche Koexistenz. Hopfen und Gerste für den eigenen Bedarf wuchsen auf den eigenen Feldern. In der Stadt Erlangen hatten sich die Brauer zu dieser Zeit schon von dieser althergebrachten Form der Mischwirtschaft gelöst und eine rein handwerkliches Selbstverständnis entwickelt.

Bis zu seinem Tod 1863 führte Ernsts Schwiegersohn Peter Hoffmann das prosperierende Brauereigut, das er nach und nach erweiterte. Die Eheleute Zehgruber standen 1871 am Anfang von fünf Generationen Brauern und Mälzern, die bis heute das Familienunternehmen leiten. Die Nachfolge trat Schwiegersohn Johann Georg Wirth, ein Brauer aus Neuhaus bei Adelsdorf, 1882 an. Nach seinem frühen Tod 1890 betrieb die Witwe Rosa Zehgruber erfolgreich mit ihrem zweiten Ehemann Jean Dorn bis zum Ersten Weltkrieg das Unternehmen. In wirtschaftlich schweren Zeiten trat 1915 Rosa Zehgrubers Sohn aus erster Ehe, Leonhard Wirth, ein. Das Inflationsjahr 1923 stellte ihn vor eine schwere Entscheidung: Wirth gab das Brauen auf, beendete damit eine 500-jährige Tradition und verlegte sich ausschließlich auf das Mälzen. Er verkaufte sein Braukontingent in Absprache mit den Brauern Hübner und Steinbach in Erlangen sowie Lederer in Stein an das Nürnberger Brauhaus. Dafür sicherte er sich für 25 Jahre eine Malzabnahmegarantie.
Diese Spezialisierung auf das Mälzereigeschäft eröffnete neue wirtschaftliche Perspektiven. Besonders da 1919 die Mälzerei Hummelmann in Bruck nach einem Brand nicht wieder aufgebaut wurde. Den letzten Schritt ganz hin zur modernen Handelsmälzerei vollzog die Familie 1932 mit der Aufgabe der Landwirtschaft.

Auch im Zweiten Weltkrieg stand der Betrieb nicht still. Ab 1950 gab es Bier in "Friedensqualität" mit elf Prozent Stammwürze und mit dem Geschäft ging es steil bergauf. Wirth stand der Produktion vor, seine Tochter Irmgard Goetze übernahm den Verkauf. Ihr Schwiegersohn Rudolf Bergler trat 1964 in die Firma ein. Automatisierung und Erhöhung der Produktionskapazität erfolgten in dieser Generation des Familienunternehmens. Vor 30 Jahren erfolgte die Umwandlung der Firma in eine GmbH, die ebenfalls ein reiner Familienbetrieb blieb. Als Spezialitätenmälzerei von Normalmalzsorten bis hin zu Roggen- und Dinkelmalz machte sich die Klostermalz einen Namen. Seit 1989 läuft eine modellhafte Zusammenarbeit zwischen Bauern, Mälzern und Brauern (siehe Kitzmann-Bräu) für integrierten Vertragsanbau in der heimischen Landwirtschaft. Eine weitere Spezialisierung erfolgte 1998 nach dem Eintritt der nächsten Bergler-Generation: Stephan Bergler verfolgt die Geschäftsphilosophie, eine "individuelle statt industrieller Behandlung des Malzes nach den Bedürfnissen des Kunden" anzubieten.

Weiter nach Westen zog es die Menschengruppe dann nicht mehr. Hugo gab aber nicht auf, sondern folgte ihrer Spur weiter. Immer noch den Rat seines Storchenvaters im Ohr, dachte er an die ersten Wortfetzen aus der Gruppe, die er auf dem Dach der Kitzmann-Bräu aufgeschnappt hatte. Der Mann, der sich als Jochen Buchelt vorgestellt hatte, versprach, den anderen Menschen Erlangen, die Bierstadt, samt Braunebengewerbe zu zeigen. Ein Ausflug für alle Sinne solle es werden, hatte Buchelt zugesichert. Bier und Wasser zum Verkosten hatte es gegeben, gehört und gesehen hatten die Teilnehmer viel über das Bier und seine Bedeutung für die Stadt und in der Mälzerei in Frauenaurach konnten sie die Gerstenkörner in den Keimkästen durch ihre Finger rinnen lassen. Doch sie wollten noch mehr hören, riechen und schmecken. Und Hugo hatte immer noch keinen geeigneten Platz für sein Nest gefunden. Deshalb klinkte er sich wieder ein, als der Bus zurück Richtung Altstadt fuhr.

Im Büchenbacher Gewerbegebiet hielt die Biergruppe nochmals kurz an. In einem modernen Flachbau verschwanden alle. Hugo landete auf der Dachkante, streckte seinen langen Hals an der Wand nach unten und konnte "Zinngießerei Zeller" entziffern. "Auch ein altes Erlanger Familienunternehmen", hörte er Buchelt unter der Tür noch sagen, bevor sie zufiel.

Dann war ein Klappern zu vernehmen, Störche waren aber keine in der Nähe. Doch vor dem Einsteigen in den Bus unterhielten sich zwei der Menschenmänner: "Wenn ich gewusst hätte, dass beim Zeller die Gussformen für Krug-Zinndeckel mit Emblemen früherer Erlanger Brauereien noch vorhanden sind, hätte ich mir einen zum Geburtstag gewünscht."
Als schwarz-weißer Schatten folgte Hugo dem rollenden Bierseminar in die Innenstadt an den Theaterplatz. Unterwegs kamen der Bus und sein Begleiter durch die "Stadtrandsiedlung" auf früherer Büchenbacher Gemarkung. Kurz nach der Eingemeindung des Orts (1923), dessen Bewohner bis heute den Spitznamen "Froscher" nicht ganz losgeworden sind, hatte 1931 die Planung der "Vorstädtischen Kleinsiedlung Erlangen" begonnen, die 1936 samt Infrastruktur fertig war und 281 so genannte Siedlerstellen aufwies. Zur Infrastruktur gehörte auch das Gasthaus "Freie Scholle" als geselliger Mittelpunkt für die Bewohner und gern besuchtes Ausflugslokal der Erlanger. Bauherrin und Verpächterin war die Exportbrauerei Franz Erich GmbH, damals 51-prozentige Tochter der Stadt; die hier -dem politischen Willen folgend- investierte und verdiente.

Am Theaterplatz hörte Hugo wieder das Zauberwort Brauerei, diesmal Brauerei Weller. Für Hugo gestaltete sich dieser Haltepunkt aber als Enttäuschung. Es gab keine Schlote. Seine Menschen verschwanden über eine Treppe im Innenhof in den Keller. Während Hugo über den Theaterplatz zum schneckenförmigen Brunnen des Erlanger Künstlers Bernhard Rein stolzierte, drangen Wortfetzen aus den Lüftungsschächten des Weller-Kellers, der sich bis unter den Platz erstreckt. Hier sei während der genau 100 Jahre anhaltenden Phase der Bierherstellung (1811 bis 1911) eine der erfolgreicheren Brauereien dieser Zeit angesiedelt gewesen. Die weitläufigen Kellerräume waren auch gut zur Lagerung des Gerstensafts geeignet gewesen. Das herrschende feuchtkalte Klima wird auch heute noch zur Lagerhaltung genutzt. Allerdings ruhen keine Fässer mehr unter der Erde, sondern Weinflaschen warten darauf, geköpft zu werden. Einzige Besucher sind normalerweise ein paar Nacktschnecken, die an den Betonregalen hochkriechen. Vor denen hatten sich manche der Bierkundler geekelt. Darüber redeten sie auf dem Weg zur Steinbach-Bräu. "Hätten mir aber wirklich eine mitbringen können", dachte Hugo leicht vorwurfsvoll, da ihm auf der Theaterplatzwiese das Jagdglück nicht hold gewesen war.

Die Brauerei Steinbach ist eine der zwei heute in Erlangen existierenden Brauereien, deshalb setzte Hugo große Hoffnungen in diesen Besuch. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins 17. Jahrhundert, doch wurde zwischen 1923 und 1994 kein Bier gebraut. Vermutlich stand der erste Sud, der in dem Anwesen Hauptstraße 116 angesetzt wurde, in direktem Zusammenhang mit der Einrichtung der Thurn und Taxis'schen Poststation 1653. Die eingestellten Pferde gaben sich zwar mit blankem Wasser zufrieden, die Reisenden und Kutscher, die ebenfalls dort übernachteten, aber nicht. Gesotten haben den Gerstensaft bis 1696 Postmeisterin Margaretha Schorr und ihr Sohn aus erster Ehe, Georg Wolfgang Wels. Schwer beschädigt beim großen Brand 1706, wurde die Poststation 1710 ganz neu aufgebaut.

1728 übernahmen nach dem Tod von Georg Wolfgang Wels dessen Witwe Barbara und sein ältester Sohn Ruprecht die Poststation, das Brauhaus und die Landwirtschaft. Der Bierausstoß war eher gering, kein Wunder in den räumlich beengten Verhältnissen: Allein im Poststall mussten 32 Pferde und sieben Kutschen untergebracht werden; daneben bestand Platzbedarf für die Gaststube, Wohnräume und die Landwirtschaft.

Obwohl die Poststation 1745 in die Innenstadt verlegt wurde, blieb der Poststall noch weitere 80 Jahre in der späteren Steinbach-Bräu. Der Poststallmeister und Bierbrauer Georg Kaspar Mausner zog dort ein. Über mehrere Besitzer gelangte das Anwesen in die Hände von Leonhard Weiß, der 1848 die Pleite nicht vermeiden konnte. Aus der Konkursmasse erwarb der Nürnberger Bierbrauer Georg Becher die Brauerei und brachte sie binnen kurzer Frist in die Höhe. Die Sudstätte entwickelte sich von der zweitkleinsten der Stadt zur fünftgrößten. Der kinderlose Becher verkaufte die Brauerei 1861 an den aus einer alten Erlanger Familie stammenden, gerade 26-jährigen Georg Carl Steinbach, der den Betrieb bis zu seinem Tod 1902 leitete. Dann übernahmen die Söhne Karl und Fritz. Nach dem Exportbier-Boom der 1870er Jahre in Erlangen, den die Erfindung der Linde'schen Kältemaschine beendete, war zu Beginn des Ersten Weltkriegs der Großteil des Kundenstamms wieder im regionalen Bereich zu finden. Nach einem modernisierungsbedingten Aufschwung brachte die schlechte Wirtschaftslage nach dem Ersten Weltkrieg einen harten Schnitt. Die Mälzerei wurde weiter betrieben, doch das Braurecht verkauften die Steinbach-Brüder an das Nürnberger Brauhaus. Nach Karl Steinbachs Töchtern Irmgard und Anneliese übernahm Irmgards Sohn Dieter Gewalt 1963 die Leitung der Mälzerei, die inzwischen an dessen Sohn Jörg ging.

Einen Wunschtraum erfüllte sich 1995 Christoph Gewalt, Ururenkel Carl Steinbachs, mit der Wiedereröffnung der 1923 aufgegebenen Brauerei. Er will bewusst keine großen Mengen, sondern hochwertige, individuelle Biere brauen. Das dafür benötigte Spezialmalz muss ja keine langen Wege gehen. Mit großem Erfolg wird seit 1997 auch wieder der eigene Keller während der Bergkirchweih bewirtschaftet. Eine weitere, wiederbelebte Tradition ist das Brauen der Marke Storchenbier. Früher sotten es alle Eranger Altstadtbrauereien als "Begrüßungstrunk" für die Rückkehrer aus Afrika.

An dieser Stelle schlug Hugo ganz aufgeregt mit den Flügeln. Das war Musik für seine Ohren. Die endete aber schnell mit einem schrillen Akkord: Noch heute nisten Störche auf dem Kamin der Brauerei. Wieder nichts mit Unterkunft, dachte sich Hugo. Ihm wurden die Schwingen langsam schwer. Aber wenigstens vorbeifliegen wollte er bei den Artgenossen. Vielleicht hatten die einen Tipp für ihn. Die Steinbach-Störche wussten, dass früher in Büchenbach Adebare gelebt hatten. Vor etlichen Storchengenerationen seien diese aber von Menschen mit Gift gemeuchelt worden. Seither wolle dort keiner mehr nisten.

Auch Hugo wollte sich lieber erst noch anderweitig umschauen. Deshalb heftete er sich wieder an die Fersen der Menschengruppe, die in der Wöhrstraße neben dem Anwesen Nr. 6 beisammen stand. Eine bierhistorische Stätte, die nicht mehr als solche zu erkennen ist. Hier stand das Kommunbrauhaus, in dem von 1710 bis 1813 der Gerstensaft die Hauptrolle spielte. Das Gemeindebrauhaus war nie eine ernstzunehmende Konkurrenz für die gewerblichen Brauer. Es entstand letztlich aus einer Protestbewegung der Biertrinker. In den 1690er Jahren gab es neun gewerbliche Brauer in der Altstadt. Minderwertiges Bier zu überhöhten Preisen sollen sie verkauft haben, ereiferten sich damals die durstigen Erlanger.

Nach vielen vergeblichen Gesuchen erbarmte sich Markgraf Christian Ernst und erteilte 1706 die Genehmigung zum Bau des Kommunbrauhauses, den die Stadtkämmerei finanzierte. Auch für den Unterhalt kam sie auf. Nutzen durften die Einrichtung hausbesitzende Bürger gegen Kesselgeld für den Eigenbedarf, die eigene Gastwirtschaft und zur Herstellung von "Bier über die Gasse" (Verkauf, ohne eine eigene Gaststube zu betreiben). Nahmen diese Gelegenheit 1754 noch 18 Familien wahr, waren es 1810 nur noch elf. Drei Jahre später erwarb der Wirt Georg Lebender das Anwesen. Er braute dort aber nicht, da die Instandsetzungskosten zu hoch gewesen wären. Nochmals kam die Liegenschaft in den Besitz eines Brauers, als es Christian Ulrich Tauber 1866 kaufte. Das Gebäude wurde aber nur noch als Scheune genutzt.

"Immerhin sind gleich nebenan die Schwabachwiesen", überlegte Hugo. Als er hörte, dass die letzte Station der Biertour gleich am anderen Ufer des Flusses lag, nahm er die auch noch mit. Nach nur ein paar eleganten Schlägen seiner Schwingen ließ sich Hugo unauffällig auf dem obersten Ast einer Kastanie nieder. "Entlas-Keller" hieß dieser große Garten auf dem höchsten Berg der Stadt, schnappte er aus der Menschengruppe auf. Sollten hier gefiederte Freunde wohnen, die wie er die Flussauen lieben? Das klang verlockend. Doch wieder blieb dem Wohnungssuchenden eine Enttäuschung nicht erspart. Das "Entla", so klärte der bierkundige Buchelt auf, steht für den Namen der Gaststätte (heute Transfer), die der Vater des jetzigen Kellerwirts Fritz Engelhardt in der Westlichen Stadtmauer-Straße 8 betrieben hatte. Als er 1950, noch vor der Geburt seines Sohns Fritz, den heutigen Entlas-Keller erwarb, zog der Name mit auf den Berg. Der Keller hatte vorher zu der früher am Martin-Luther-Platz ansässigen Brauerei Tauber gehört. Heute ist er der einzige, der auch außerhalb der Kirchweihzeit während der Saison betrieben wird. Und wenn man Engelhardt von diesem Berg-Betrieb, wenn ringsum kein Bergbetrieb ist, schwärmen hört, bekommt man ein Gefühl für die ganz besondere Atmosphäre dieses Orts. Nach einer Stippvisite in den Kellergewölben und -gängen im kilometerweit ausgehöhlten Burgsandstein genossen die Besucher diese Stimmung mit viel neuer Sachkenntnis bei einem Schluck des kellerfrischen Kitzmann-Biers, das Engelhardt ausschenkt.

Auch für Hugo ging ein langer Tag zu Ende. Seine Entscheidung war gefallen: Er wollte in Erlangen bleiben. Mit dem festen Vorsatz, vorsichtshalber dort nichts zu fressen, das sich nicht mehr aus eigener Kraft bewegt, flog Hugo in den Sonnenuntergang hinein, direkt nach Büchenbach zu den "Froschern".


Jochen Buchelt
Konzeption und Durchführung der Exkursion am 19. April 2002. Diverse Veröffentlichungen zur Erlanger Bier- und Brauereigeschichte. Dipl.-Verwaltungswirt (FH) bei der Stadt Erlangen.

Manuela Cranz
Exkursionsteilnehmerin und Chronistin am 19. April 2002. Aufgewachsen als Wirtstochter in der Erlanger Altstadt. Redakteurin bei der Tageszeitung "Fränkischer Tag".


www.erlanger.de