Freund, ich habe hier Scenen gesehen ...



... Daher kommt es, was unglaublich und doch wahr ist, daß in dem sogenannten Polen, wo die meisten dieser Armen wohnen, Familien tagelang hungern müssen, und am Abend kein Bett haben, wo sie ihr Haupt hinlegen.

Freund, ich habe hier Scenen gesehen, bei denen dem Menschenfreund die Haut schauert. Fünf oder sechs nackte Kinder, in Lumpen gehüllt, wälzen sich bei der grimmigsten Kälte, in einem feuchten Dachstübchen, von Kräze und Aussaz überdeckt, auf Stroh; Erdäpfel in Wasser gekocht sind der armen Kranken einzige Nahrung, und verschmachtend hängt das kleinste an der mütterlichen Brust, die keine Milch mehr geben kann, weil die Mutter selbst gehungert hat. Ich übertreibe hier nicht. Fragen Sie meinetwegen ieden iungen Arzt, der in dem menschenfreundlichen clinischen Institut ist, und in die Hütte der armen Bedauernswürdigen gesandt wird, ob meine Schilderung nur um ein Haar zu grell gezeichnet ist? Fragen Sie ieden, ob er nicht oft den armen Hungrigen ein Stück Geld geben muß, damit sie nur Nahrungsmittel haben, ohne welche alle Arznei oft nichts hilft. Fragen Sie Erlangens gemeinsten Bürger, und er wird Ihnen alles das, und noch mehr, noch weit mehr sagen, als ich hier angeführt habe.


Georg Friedrich Rebmann, Briefe über Erlangen. Frankfurt und Leipzig 1792, S. 120 - 122
Faksimilenachdruck Erlangen (Palm & Enke) 1984


Beim Anblick des bayrischen Hofes dort droben im sogenannten Erlanger Polen aber laß uns einige Momente in freundlicher Erinnerung des Jahres 1818 weilen, wo die neugeborne Burschenschaft ihren Aufenthalt hier hatte; ... oder aber magst mit der nobeln spes Poloniae die alten Trödel auf dem einsamen Platze da droben wieder treiben, wie Du sie ehedem getrieben hast. Aber die ebengenannte spes Poloniae selbst, was mag seitdem aus ihr geworden sein? —
...

Wo sind sie hin, die malerisch Zerlumpten;
Die schönen, hottentottisch thrangesalbten,
Kothtättowirten, sanskülott’schen Geier,
Die, wasserrattenflink, ’nen Kupferpfennig
Dem zäh’sten Schlamm der tiefsten Wasserpfütze
Entgruben mit geschärften Fingerkrallen;
...

Triefäugiger, meerkätzlich schöner Rothkopf,
Der heiser winselnd um ’nen kleinen Pfennig
Des Musensohnes Börse oftmals anfleht’,
Doch - unerhört, dann auch, satanisch grinsend,
Ihm auf dem Fuße folgt ’ne Straßenlänge,
...

Sollte dieses Polen hier nicht auch die Wiege des guten Datschenpeterla, jenes alten fünfundsiebzigjährigen naiven Bettelmännchens gewesen seyn, der, mit seinem Suppentopf unterm Arm, gar beweglich um seine Gabe zu flehen wußte, mit dem einleuchtenden Motiv, daß er keinen Vater und seine Mutter mehr habe? — — Die nekrologische Muse möge diese dunkle Frage beantworten.


M. Reimlein (d.i. Johann Georg Hertel), Unser Erlangen. Reminiscenzen eines Vierzigers. Erlangen 1843, S. 136 - 138


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